Fuldaer Wander-Thesen1. Wandern ist der Schlüssel zu echten Werten Die tragenden Werte im Zusammenleben von Menschen unterliegen starken Veränderungen. Glamour, Starkult und Rekordsucht bestimmen immer häufiger die Zielsetzungen der Menschen. Wandern fördert das Erkennen von echten Werten wie die Ehrfurcht vor Gottes Schöpfung, die Achtung von Natur und Umwelt, Heimat und regionaler Identität sowie von Mitmenschen und Partnerschaften untereinander. Damit wird Wandern zum Schlüssel dieser echten Werte. 2 Wandern ist die Brücke zu wertvoller Gemeinschaft Wandern bringt Menschen über traditionelle Bindungen hinaus zueinander. Es stärkt das Gemeinschaftsgefühl und entwickelt Gemeinsinn. Menschen, die neu in eine Region kommen oder die unter Einsamkeit leiden bzw. in Isolation leben, lernen beim Wandern andere Menschen kennen und erhalten neue Eindrücke und Erkenntnisse. Sie erlernen den Wert von Rücksichtnahme und Achtung vor dem Mitmenschen. Wandern baut Brücken zum Mitmenschen 3 Wandern knüpft und entwickelt Partnerschaft Wandern führt Menschen aller Generationen und gesellschaftlichen Schichten zusammen. Es schafft gemeinsame Erlebnisse, stärkt die Solidarität untereinander und fördert gegenseitige Rücksichtnahme. Soziale Unterschiede werden beim gemeinsamen Wandererlebnis überwunden. 4. Wandern stärkt familiäre Bindungen Traditionelle Familienbande unterliegen in unserer Gesellschaft starken Veränderungen. Dies führt zwischen den Generationen zu Verunsicherungen und Verwerfungen. Wandern bietet eine Möglichkeit, junge und alte Menschen in den deutschen Wandervereinen zusammenzuführen und somit den Wert der Familie erlebbar zu machen. Die deutschen Wandervereine stellen die Familien in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. 5. Wandern fördert Entspannung und Ruhe Wir leben in einer immer rasanter, lauter und hektischer werdenden Zeit. Wandern kann diesen negativen Erscheinungen entgegen wirken. Es fördert Ruhe und Gelassenheit sowie Entspannung und Erholung. Kreativität und Toleranz, Aufenthalt in der freien Natur, Zeit zum Schauen und Verweilen und das Loslassen vom Alltagsstress macht Menschen ausgeglichener und zufriedener. Wandern stärkt das Wohlbefinden. 6. Wandern fördert umfassend und nachhaltig die Gesundheit Bewegungsmangel, Stress, falsche Ernährung, ungesunde Lebensgewohnheiten und eine Vielzahl von Genussmitteln tragen in der heutigen Zeit immer öfter dazu bei, dass Menschen sich nicht wohl fühlen oder gar dauerhaft erkranken. Dieser Mangel an Lebensqualität geht einher mit rasant steigenden Kosten für das Gesundheitswesen. Wandern kann all dem entgegenwirken. Es mindert den Stress, vertreibt den Frust, sorgt für ausreichende Bewegung, regt den Kreislauf an, fördert den Stoffwechsel und steigert die Fitness. Bewegung in der freien Natur trägt zur Gesunderhaltung der Menschen bei. 7 Wandern erweitert das Wissen über Natur und Umwelt Nur was man kennt, das kann man lieben, und was man liebt, das wird man schützen. Die deutschen Wandervereine schulen ihre Mitglieder und Funktionsträger auf Fortbildungsveranstaltungen und ermöglichen dadurch die Bildung und Weiterbildung der über 600.000 Mitglieder des Deutschen Wanderverbandes. Auf diese Weise wird das zum Schutz und Verständnis der Natur und Umwelt notwendige Wissen an breite Bevölkerungsschichten herangetragen. Natur- und Umweltschutz sind oberstes Gebot für alle Mitglieder des Deutschen Wanderverbandes. 8. Wandern schärft die Sinne für Umwelt und Landschaft Die Mitglieder in den Gebietsvereinen des Deutschen Wanderverbandes befassen sich intensiv mit ihren regionalen Landschaften und erkennen somit fachkundig Veränderungen, Beeinträchtigungen und Gefahren für Natur, Umwelt und Landschaft. Den Verantwortlichen geht es bei all ihren Bemühungen nicht allein um Biotopschutz, sondern um Pflege und Erhalt der ganzen Landschaft. Der Erhalt der typischen Landschaftsbilder in allen deutschen Wanderregionen ist für die deutschen Wandervereine oberste Maxime. 9 Wandern ist aktiver Naturschutz Seit Bestehen deutscher Wandervereine (um 1870) sowie des Deutschen Wanderverbandes (1883) war die Ausweisung und Kennzeichnung von Wanderwegen oberstes Gebot. Daran hat sich bis in das 21. Jahrhundert nichts geändert. Gute und sichere Wegführung von Wanderern bedeutet Schutz von Flora und Fauna, weil sensible Gebiete aus Naturschutzgründen ausgelassen bzw. umgangen werden. Wegführungen unterliegen daher oftmals einer Fluktuation, weil Baumaßnahmen oder neue Biotope zu Wegverlegungen führen müssen. Der Schutz von Flora und Fauna hat Priorität für alle Wegekennzeichner. 10 Wandern fördert die Regionale Identität Synonyme für Fortschritt und Erfolg sind oft Exklusivität und Exotik. Regionalität und Regionale Identität ersetzen jedoch Gott sei Dank immer mehr diese falschen Leitbilder. Zunehmend erkennen die Menschen die Werte von Regionen, Dialekten, Sitten, Gebräuchen sowie Speisen und Getränken ihrer Heimat. Aufgabe der deutschen Wandervereine muss es sein, diese positive Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Das Bekenntnis zur Heimat und damit zu regionaler Identität bedeutet Stärkung des Selbstwertgefühls. 11.. Wandern bedeutet Stärkung der regionalen Wirtschaft Regionale Produkte stärken die regionale Wirtschaftskraft, schaffen Arbeitsplätze und pflegen die Umwelt. Die Vermarktung regionaler Produkte in der eigenen Region verhindert lange Anfahrtswege und entlastet somit die Umwelt von Schadstoffen. Außerdem kann jede deutsche Region durch eigene Produkte einen gewissen Alleinstellungsanspruch entwickeln und ihren Bekanntheitsgrad steigern. Gastronomie und Hotellerie einer Wanderregion sollten diese Chance nutzen und auf heimische Produkte, auf regionale Spezialitäten und Erzeugnisse setzen und diese den Besuchern anbieten. Der Verzehr regionaler Produkte durch Besucher (Wanderer) stärkt die Wirtschaftskraft einer jeden Region. 12. Wandern macht Lust auf Zukunft Wandern ist so beliebt wie seit langem nicht. Die vermehrte Freizeit lässt dem Menschen viel freie Zeit, um sein liebstes Hobby zu pflegen: das Wandern! Wandern ist überaus modern, es ist gesund, macht fit und vermittelt ein positives Lebensgefühl. Es verbindet Menschen aller Altersgruppen miteinander, schafft erinnerungswürdige Erlebnisse, bringt jedem die Natur, die Landschaft und die Umwelt näher und bietet allen in den Wandervereinen organisierten Mitgliedern die Gelegenheit, sich aktiv zur Erhaltung von Natur und Umwelt einzusetzen. Wandern verhilft dem Naturfreund in der globalisierten Welt zu einem Ankerplatz in der Heimat und macht ihn gleichzeitig weltoffen für die Probleme unserer Zeit. Wandern verhilft zu
Heimatliebe und Weltoffenheit.
|
|
Wandern & Gesundheit Wandern - Natur erleben und körperliche Herausforderung Von Wilfried Schmidt |
|
|
Ich möchte mit Ihnen eine Wanderung unternehmen, eine Wanderung in einem deutschen Mittelgebirge, in einer schwingenden Landschaft, bergan, bergab. Es soll dargestellt werden, was diese Wanderung an gesundheitlichen Aspekten bietet, nicht nur durch die Bewegung, sondern durch viele unterschiedliche Faktoren, die Inhalt einer solchen Wanderung sind und die, in ihrer Gesamtschau, ihren Genuss und ihre gesundheitlichen Wirkungen ausmachen. Es ist ein uralter Traum
der Menschen, länger zu leben. Die Medizin sagt uns heute, dass wir es
selbst in der Hand haben, diesen Zustand zu erreichen. Wir können, wenn
wir unseren Lebensstil verändern, unsere Lebenserwartung deutlich
erhöhen. Eine Studie der Universität Cambridge sagt aus, dass vier
Faktoren lebensverlängernd wirken: Verzicht auf das Rauchen, Umstellung
der Ernährung, regelmäßige Bewegung und Abbau von Zeitdruck und Stress.
Je früher man damit beginnt, seinen Lebensstil zu verändern, desto mehr
profitiert man davon. Man gewinnt, das muss deutlich herausgestellt
werden, nicht nur an Lebensjahren hinzu, sondern auch an Lebensqualität….. Was ist Wandern?Es ist nicht nur das Voreinandersetzen der Füße, es ist nicht lediglich ein Hobby, eine Liebhaberei, der man gelegentlich frönt, weil es eben modern ist. Wandern ist eine in ihrer Geschwindigkeit dem Menschen angepasste Bewegung in freier Landschaft, zu neuen Menschen, auf selbstgesuchten Wegen. Es gelten nicht die Maxime, die Leitbild des Leistungssportes sind: höher, weiter, schneller! Es gilt der Grundsatz: langsamer, weniger, schöner, Entschleunigung statt Beschleunigung. Sieht man Wandern so, erkennt man sofort einen gesundheitlichen Aspekt: Es entlastet von Stress und Zeitdruck. Wer regelmäßig wandert, wird ruhiger, gelassener, zeitbewusster. Gelassenheit, eine Eigenschaft, die vielen Menschen fehlt und die sie wieder erwerben müssen, ist hier gemeint als auslassen, loslassen, verlassen, die Dinge lassen, wie sie sind. Wer gelassen ist, arbeitet bereits an seiner Gesundheit. Noch vor einigen Jahren, bevor der große Wanderboom einsetzte, galt Wandern bei vielen Menschen als überflüssige, zeitaufwendige Beschäftigung, nicht modern in einer von Terminen geprägten Zeit. Es scheint so, als hätten viele unserer Mitmenschen die Entschleunigung als Mittel gegen die zerstörerische Hektik dieser Epoche gefunden. Wandern ist, so denke ich, die beste Methode, Gelassenheit einzuüben und damit für seine Gesundheit zu arbeiten……..
Mehr lesen Sie in unserer Broschüre „125 Jahre Wandern und mehr“ Verein für Natur und Lebensraum Rhön. Groenhoff-Haus, Wasserkuppe 36129 Gersfeld /E-MAIL: info@vnir.de Ich versuche, ein abschließendes Fazit jener gesundheitlichen Wirkungen zu ziehen, die dem Wandern eigentümlich sind.
1
Wandern
entlastet
von Hektik und Zeitdruck; es fördert Gelassenheit und Abstand vom
Alltag.
2 Der ständige Aufbruch zu
neuer Wanderung auf neuen Wegen erhält jung und erzeugt Glücksgefühle.
3
Durch
Wandern
werden die Sinne gestärkt und sensibilisiert, es wird zu einem Fest der
Sinne.
4 Das freie Wandern auf selbst gewählten Wegen fördert Wohlergehen und
Gesundheit.
5 Wandern vermittelt
dauerhaften Genuss, eine innere Freude, die ein Gefühl der Befriedigung
hinterlässt.
6 Das befreiende Gefühl,
seiner selbst mächtig zu sein, trägt zur Gesundheit bei.
7 Die soziale Situation
des Wanderns ist eine vorzügliche Prophylaxe gegen Erkrankungen der
Seele.
8 Wandern in einer schönen
Landschaft senkt Puls und Blutdruck und fördert die Entspannung.
9
Bewegung
durch
Wandern erhält und steigert die körperliche Fitness. |
|
Wandern und regionale Identität Der Wanderverein und sein Programm Von Dr. Gerrit Himmelsbach |
|
|
Im Mittelpunkt steht der Mensch, genauer gesagt, seine Identität. Der folgende Bericht ist der Versuch einer Analyse eines Werkstattberichtes. Wir können auch sagen eines "Großversuches", bei dem ein Wanderverband - in unserem Beispiel der Spessartbund - mit seinen Mitgliedern die eigene Identität fortentwickelt. Einer der vielen Ansätze, die dieses Projekt mit dem Titel „Konzept 2009“ beim Spessartbund ins Rollen brachten, war die Frage nach der eigenen Identität - im Wanderverein, im Verband, in der Region. Ein Beispiel für die Suche nach IdentitätDafür mag mein persönliches Beispiel als Beleg dienen: Ich bin geborener Aschaffenburger und als solcher ein "Urbayer". Aschaffenburg gehört seit 1814 zu Bayern. Spreche ich in München davon, Bayer zu ein, ernte ich großes Gelächter. Von knorrigen Typen als "Saupreiß" missverstanden, kann ich mich noch glücklich schätzen, wenn Gemäßigtere mich als "Hessen" ansprechen. Doch: Aschaffenburg war niemals hessisch - und man möchte sich dort als Schnurrbarthaar des bayerischen Löwen verstanden wissen (es sind nur 40 Kilometer bis Frankfurt). Die Lösung des Problems liegt auf der Hand: Aschaffenburg liegt in Unterfranken, also bin ich Franke. Doch folgt die Reaktion auf eine solche Zuweisung in Nürnberg und Würzburg auf dem Fuße: Franke kann ich nicht sein, weiß ich doch „d“ von „t“ zu unterscheiden und trinke dazu noch ein in Wein-Franken unbekanntes Gesöff namens Äbbelwoi. Einen Aschaffenburger als Spessarter zu bezeichnen ist auch nicht zweckmäßig, denn der Städter achtet darauf, sich von seinem ländlichen Umfeld abzugrenzen.Was bin ich also? Ist ein Aschaffenburger zur Identitätslosigkeit verdammt? Dieser gordische Knoten kann zerschlagen werden: Wird doch das Mainufer unübersehbar vom Renaissance-Schloss Johannisburg überragt. Und wer hat diese Sommer-Residenz errichten lassen? Die Mainzer Kurfürsten. Aschaffenburg war über 800 Jahre lang kurmainzisch und wir sind Kurmäänzer. Nur weiß das leider kein Mensch mehr. Es ist den Wittelsbachern wohlwollend gründlich gelungen, diesen Teil unserer Identität zurückzudrängen – mit dem erläuterten Ergebnis. Identitätsstiftende ElementeMit dem Dialekt und mit dem "Äbbelwoi" sind schon zwei Elemente genannt, die der Identitätsstiftung dienen: Die Sprache und Essen & Trinken. Hinzu treten aber noch viele weitere Kulturmerkmale wie Singen, Tanz, Trachten, Kunst, Geschichte, Archäologie und und und - die Liste lässt sich noch erweitern. Dies alles sind - soweit noch vorhanden - Teile unserer Identität und unsere Vereine beschäftigen sich seit jeher damit - jeweils mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten. Auch der deutsche Wanderverband hat sich der Frage nach Identität und Heimat gewidmet. Im Jahre 2002 wurde beim Deutschen Wandertag im Fichtelgebirge die Resolution "Heimat in Europa" verabschiedet. Hintergrund war die Überwindung der politischen Teilung Europas und der Blick nach vorne für die Versöhnung der Völker nach den Untaten der Deutschen im 2. Weltkrieg sowie der darauf folgenden Vertreibung aus den Ostgebieten. Suche nach „Heimat“Gestatten Sie mir als Historiker die Absicht, in die Vergangenheit zu blicken, um die Zukunft gestalten zu können. Der Begriff "Heimat" erfuhr im 19. Jahrhundert seine dominierende Ausgestaltung und ist geprägt von den damals umgreifenden Phänomenen der Armut, Auswanderung und Industrialisierung. In dieser Epoche der Umwälzungen suchte man einen Halt in der guten alten Zeit (so wie heute). Eine Spielart des Suchens nach der wahren Heimat war der Blick der Romantiker auf die gefühlsmäßig überhöhte "Heimatlandschaft", wie sie uns z. B. bei den Landschaftsgemälden Caspar David Friedrichs entgegentritt. Gleichzeitig wurde der deutsche Nationalstaat unter schweren Geburtswehen geboren, wobei man die Sehnsucht nach Heimat mit der Sehnsucht nach einem Vaterland verband. Der Heimatbegriff wurde auf die nationale Ebene gehoben. Heimat wurde Vaterland gleichgesetzt. Diese unglückliche
Konstruktion überstand den ersten Weltkrieg und wurde von den
Nationalsozialisten vollends diskreditiert. Heimat wurde zu einem
geradezu religiösen Zustand erhoben und Brauchtum und Tradition in den
Dienst des Nationalsozialismus gestellt. Nach 1945 erschien der Begriff
"Heimat" im geteilten Deutschland nur im Zusammenhang mit den aus den Ostgebieten Heimatvertriebenen. Der Heimatbegriff der WanderverbändeDoch es gibt noch einen zweiten Ursprung für den Heimatbegriff, der m. E. bislang unterschätzt wurde. Er liegt bei den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründeten Wandervereinen. Auch sie beschäftigen sich mit Heimat, allerdings nicht aus der nationalen Sicht, sondern aus der Sicht ihrer regionalen Identität. Die Wandervereine
entstanden an und in Naturräumen, gegründet zunächst von den
Stadtbewohnern (denken Sie an das Stichwort "Industrialisierung"), dann
ausgreifend auf die Orte in den Natur- und Kulturlandschaften. Aus
einzelnen Ortsvereinen wurden Verbände, die sich auf die Naturräume
bezogen: Rhönklub, Odenwaldklub, Schwarzwaldverein, Spessartbund usw.
Das Heimatverständnis, das sich dort entwickelte, ist ein Gegenentwurf
zu den damals neuen Großstädten einerseits, aber andererseits auch ein
Sammelbecken für die Fortentwicklung örtlicher Traditionen… Der Heimatbegriff in der Nachkriegszeit Nach dem 2. Weltkrieg
wurde der Begriff Heimat möglichst neutral behandelt. Das
Heimatverständnis, zwischen den beiden Wurzeln Nationalismus und
Regionalität verharrend, erfuhr inhaltlich keine Diskussion. Gerade in
den Wandervereinen, das geht aus Protokollbüchern hervor, pflegte man
das Wandern und Musizieren als Akt der Geselligkeit und als Ausgleich
zu den Anstrengungen des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders. Doch
blieb in den Vereinen eine Auseinandersetzung mit der realen - sich
rasch modernisierenden - Lebenswelt aus. Heimatkultur erstarrte
sozusagen - in den Medien durchaus mit Publikumserfolg, wenn wir an die
"Heimat-Kulturindustrie" im Fernsehen denken mit höchst erfolgreichen
Volksmusik-Sendungen - hier ist Heimat vor allem Kulisse… Identität stärkenWas tun aktive Wandervereine bzw. was können wir als Verband tun, um die Identität der Vereine zu stärken? Die Diskussion darüber wird im Spessartbund aktiv seit 2004 geführt. Die dabei durchgeführte Ist-Analyse, die mit einer Fragebogenaktion an die Mitglieder einher ging, brachte die Erkenntnis, dass wir uns im Hinblick auf den Zustand unserer Gesellschaft folgenden Hindernissen der Vereinsentwicklung entgegenstellen müssen: - die schwierige Situation der Familie in der Gesellschaft - begründet durch das Streben nach Individualismus - gestützt von der Mediengesellschaft - der wachsende Druck in Schule und Beruf - bringt die Forderung nach hoher Mobilität mit sich - im Ganzen eine Unberechenbarkeit der modernen Lebenswelt. Wenn wir in Arbeitsgruppen diese Liste durchdiskutieren, macht sich leichte Ratlosigkeit breit und die Vorstellung erfolgreicher Vereinsarbeit scheint geradezu unmöglich. Wir wissen, dass nicht
alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. So haben wir im
Spessartbund Ansätze einzelner Vereine, die sich diesen Trends
entgegenstellen, aufgenommen und ein Pilotprojekt gestartet. Mit im
Boot war dabei das Archäologische Spessart-Projekt, dessen
Projektleiter ich hauptberuflich bin. Dabei handelt es sich um einen
gemeinnützigen Verein, der das Ziel hat, den Spessart zu erforschen und
zu erschließen, gegründet 1995 mit Unterstützung der den Spessart
umfassenden Landkreise und der Stadt Aschaffenburg… Identitätspflege ist „Menschenpflege“Im Rahmen unserer Bemühungen definieren wir unsere Arbeit so, dass aktiver Naturschutz, Musik, Volkstanz, Wegemarkierungspflege, Wanderführungen sowie Familien- und Jugendarbeit alle zusammen gleichwertig als Heimatpflege verstanden werden. Ein treffenderer Ausdruck wäre vielleicht "Menschenpflege" - und damit ist die Pflege der eigenen Identität gemeint. Um die Entwicklung der
Identität voranzutreiben, bedarf es einer Art Schiedsrichter. Jemand,
der Autorität mitbringt, die Vereine zu beraten und gleichzeitig die
Wertigkeit von Heimat belegen kann. Für die Wissensvermittlung und
Qualitätssicherung stehen uns hierfür Wissenschaftler zur Seite. Sie zu
motivieren, die Gefilde der Universitäten und Forschungsinstitute zu
verlassen und in die Kulturlandschaft zu gehen, das ist die Aufgabe des
Archäologischen Spessart-Projekts, das Kooperationen mit Universitäten
gründet und ausbaut. Ob es sich nun um Grabungen handelt,
Archivforschung oder naturwissenschaftliche Untersuchungen: Gemeinsam
werden Inhalte geschaffen und verständlich und mit Rückkopplung zur
Bevölkerung vermittelt. Besondere Unterstützung erhält das
Archäologische Spessart-Projekt dabei durch die Kulturstiftung des
Bezirks Unterfranken. Der Effekt dieser Arbeit, die seit 8 Jahren
vonstatten geht, ist gewaltig. Durch das aufeinander Zugehen von
Wissenschaftlern und Menschen vor Ort hat die Wahrnehmung der
heimischen Kulturlandschaft einen enormen Aufschwung erlebt. Dass
Forscher sich in einem Dorf für Hohlwege, Grabhügel oder "altes Papier"
auf dem Speicher des Rathauses interessieren und dann Vorträge über die
verschüttete Vergangenheit halten, hat dazu geführt, dass die
Einheimischen selbst aktiv werden und z. B. auf dem Feld gefundene
Steinbeile, die unbeachtet in der Ecke lagen, mitbringen und damit zu
einem Erkenntnisgewinn auf der Seite der Wissenschaft führen. Man
wundert sich dann, was in den Jahren des Wirtschaftswunders bei
Fundamentarbeiten alles gefunden und nicht weggeschmissen wurde, um
nur ein Beispiel zu nennen. Netzwerke mit Schulen und KindergärtenIn Kooperation mit Schulen werden Facharbeiten erstellt, bei denen Heimatgeschichte greifbar wird.... Auch Projekte gemeinsam mit Ortsgruppen und Grundschulen sowie Kindergärten werden vorangetrieben. Dabei gilt unser Augenmerk vor allem den Lehrern und Erzieherinnen, die meist als Auswärtige von der Geschichte des Ortes wenig wissen und selbst Fortbildungen erhalten.
„Kulturwege“ als Transmissionsriemen Ein weiterer Impuls geht
von der Wissenschaft aus: Die europäischen Kulturwege im Spessart. Es
gibt davon inzwischen 56 Stück. Sie wurden im Jahr 1999 im EU-Projekt
„European Cultural Paths“
entwickelt, an dem das Archäologische Spessart-Projekt beteiligt war.
Die Kulturwege werden gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort entwickelt
und betreut. Aus ihnen entwickeln sich Ortsgruppen des Spessartbundes
und mit dem Werkzeug der Kulturwege lassen sich Inhalte zum Thema
Heimat anschaulich vermitteln. Identitätssuche im WandervereinDer Spessartbund als Beispiel im Deutschen Wanderverband befindet sich inmitten dieses Prozesses der Identitätsfindung. Wir stellen im Moment unsere Verbandsarbeit um: Die Ortsgruppen erhalten vom Verband nach Wunsch Unterstützung bei ihrer Suche nach den eigenen Wurzeln in denen ihnen nahe liegenden Bereichen - die ganz individuell sind. Unterstützung erfolgt auch bei der Suche nach Archivmaterial: Was haben wir früher getan - welche Feste ausgerichtet, welche Auftritte gehabt? Diese Suche führt in die Gegenwart und Zukunft: Was wollen wir tun? Ein aktueller Fall: Ein Verein will wieder ein Johannisfeuer anzünden - früher war dies Tradition, doch Jahre lang kamen immer weniger Leute, bis es schließlich aufgegeben wurde. Jetzt haben wir über den Verband das Johannisfeuer mit der Eröffnung eines Kulturweges verknüpft und erfahren dadurch regionale Aufmerksamkeit… Wir haben festgestellt, dass unsere Bemühungen dazu geführt haben, dass die Beschäftigung mit der Heimat vor Ort Wissen entstehen lässt. Aus diesem Wissen heraus entsteht Interesse - es wird nachgefragt: Warum ist das so - oder warum nicht. Geradezu wie bei einem Puzzle erarbeiten sich die Menschen vor Ort Stück für Stück ihrer Heimat - weit entfernt von Vollständigkeit und mehr auf persönliche Schwerpunkte ausgelegt- aber doch mit Neugier auf die Heimat. Umso mehr Puzzleteile hinzukommen, umso deutlicher umreißt sich die Kontur des eigenen Wohnortes - er erhält langsam einen eigenständigen und typischen Charakter. Und wie das bei Charakteren so ist - man baut zu ihnen eine Beziehung auf, die im günstigsten Fall eine Liebesbeziehung wird: Heimatliebe. Puzzleteile, also
Einzelaspekte, werden vor allem von Schülern und Kindern an die Eltern
weitergegeben. Die Erwachsenen hingegen beginnen in unseren
Ortsgruppen, ihr neues Wissen durch Veranstaltungen, Events, Führungen
oder Ausstellungen zu vermitteln und somit ihre Heimatliebe in den
Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Das geschieht nicht nur im Verein,
sondern im gesamten Umfeld: in der Familie, bei Freunden und im
Idealfall auch mit Touristen. Dadurch entsteht nebenbei so etwas wie eine
touristische Basisstruktur. Der Einheimische wird zu einem Teil der
Heimat und wenn ein Fremder fragt, wer z. B. diese Figur vor der Kirche
ist, dann lautet die Antwort eben nicht nur "Das ist Johannes" - und
fertig, sondern "Das ist unser Kirchenpatron Johannes. Dem fehlt bei
uns die rechte Hand. Da ist nämlich folgende Geschichte passiert ..."
und damit erhält auch der Besucher sofort eine emotionale Bindung zu
dem besuchten Ort. Die Begeisterung des Besuchers ist für den
Einheimischen wiederum Ansporn dranzubleiben - sprich Nachhaltigkeit zu
erzeugen… Heimat im Kleinen und GroßenBei aller Diskussion und Entwicklung sollte uns vor allem die Neugier auf die Heimat leiten. Neugierig sollten wir aber auch auf die Heimat anderer sein. Die Heimat im Nachbarort (aus Prinzip uninteressant?!), im europäischen Partnerort oder noch weiter entfernt, z.B. bei Dritte-Welt-Projekten. Neugier auf sich und andere, verbunden mit Respekt und Toleranz vor deren Kultur helfen uns, kritisch zu reflektieren. Der Idealzustand in unserer "Heimat im Kleinen", d. h. in der Region, geht dahin, sich und seine Kulturlandschaft zu kennen, sich auszukennen, zu leben und zu erleben - und sich dort zu Hause zu fühlen. Wir versuchen im Spessart, gemeinsam diesen Weg zu gehen. Mehr lesen Sie in unserer Broschüre „125 Jahre Wandern und mehr“ Verein für Natur und Lebensraum Rhön. Groenhoff-Haus, Wasserkuppe 36129 Gersfeld /E-MAIL: info@vnir.de |